Radiodayseurope

Die 8. Ausgabe der Radiodayseurope, die «Konferenz für Radio und Audio», fand vom 18. bis 20. März im «Austria Center Vienna» in Wien statt. Ein Jahr der Rekorde: 1600 «Radiöler» aus 50 Ländern, 90 Aussteller und einem extrem breit angelegten Konferenzprogramm. Hauptthemen dieses Jahr waren: Die Zukunfts-Chancen von Radio-Audio-Content, Podcasting, digitale Radiostrategien, smart Speaker, Radioplayer, ein bisschen 5G und viel Radio-Networking.

Hey Google, Alexa, Siri and friends
Der smarte Speaker sollte wohl besser Smart-Radio heissen! In verschiedenen Vorträgen zum Thema wurde uns glaubhaft dargelegt, dass dies unser zukünftiger Radio zu Hause sein werde! Und die Entwicklung, mindestens was die aktuell dargestellten Zahlen von Nordamerika zeigen, geht die Penetrationsentwicklung sogar noch schneller als bei der iPhone Einführung vor 11 Jahren.

NPR (national public radio USA) hat zusammen soeben den «The Smart Audio Report» veröffentlicht den Tom Webster am RDE in Wien in einem überfüllten Vortragssaal vorgestellt hat. Die Top-Positionen was die User mit dem smarten Speaker nutzen sind; Musik hören, Fragen stellen ohne zu «töggelen», Spass mit dem neuen Gadgets, News und Informationen hören. Auf die Frage "was ersetzt der smarte Speaker" waren die Top Antworten; Traditionelles UKW-Radio hören, Smartphone, Fernsehen und Tablet. Ohne Frage also von hoher Dringlichkeit und Bedeutung für Radio und Audio! Es lohnt sich den smart Audioreport im Detail zu lesen!

 

PODCAST:  Bald auch starker Trend in Europa?
In einer der Vorträge (auch in überfülltem Saal) zum Thema Podcast hat Tom Webster (EDISON Research USA) zusammen mit James Cridland (Managing Editor Podnews Australia) die eindrückliche Entwicklung der Podcast Nutzung in Nordamerika aufgezeigt. Die Wochenreichweite beträgt bereits 17% mit steigender Tendenz und die durchschnittliche Zahl der genutzten Podcast pro User pro Woche ist von 5 auf 7 gestiegen. Mit eindrücklichen Beispielen wurde aufgezeigt was funktioniert und wie man damit Geld verdienen kann. Es wurde darauf hingewiesen, dass eine ähnliche und baldige Entwicklung von Podcast auch in Europa zu erwarten sei.
Das Thema Podcast wurde in mehreren Sessions abgehalten und stiess auf sehr grosses Interesse. Deshalb hat Radiodayseurope beschlossen einen ersten europäischen PODCASTDAY ins Leben zu rufen. Er findet am 15. Juni in Kopenhagen statt. Anmeldung und weitere Informationen gibt es hier.


Auch Radiodayseurope mit 5 G Hype?
Am Rande der Veranstaltung war von 5G für Radio-Rundfunk im DAB-Band die Rede. In der Tat gibt es einerseits einen demnächst startenden 5G-Versuch (IRT-EBU) als Ersatz für DVB-T2 auf dem Wendelstein und andererseits gab es vor kurzem ein Verbandsgespräch mit DAB Proponenten wie dieses Thema aufgekommen ist. Mehr zum Thema «Radio Sender hoffen auf 5G als Übertragungsweg»  hier.

Sehr deutlich die Prognose von Ben Hammersley (Futurist, Inhaber von Hammersley Futures UK) in seinem Vortrag «How the World will be listening in 10 Years". Vorerst sicher eine sehr mutige Prognose, insbesondere in Ländern mit bereits etablierten DAB+ Verbreitung. Für «Habenichts-DAB-Länder» könnte dies zum längerfristigen Durchhungern von UKW führen und für alle anderen zu Verunsicherungen. Das Thema muss auf jeden Fall weiterverfolgt werden.

“Radio is dead (sorry) but audio is in its Golden Age”
Die 5G-Prognose war nicht die einzige «shocking news» für die Radio-Branche aus dem Munde des Futuristen Ben Hammersley. Er legte in der gleichen Session tüchtig nach mit «das Radio ist tot (sorry) aber audio is in its Golden Age» und begründete dies auch ausführlich zum Beispiel mit dem PODCAST-Trend.

 

Norwegen schaltet UKW ab
Norwegen hat im Jahr 2017 als erstes Land der Welt die nationalen UKW-Sender schrittweise abgeschaltet. Nur die lokalen Radios können noch einige Jahre auf UKW weitersenden. Ein gutes Dutzend davon ist auch schon auf DAB+.
Zu diesem äusserst spannenden und sehr aktuellen Thema fand am Radiodayseurope am Sonntagnachmittag eine Sonderveranstaltung statt. Zu zehnt präsentierten die Hauptakteure der Norwegischen Privatradios und dem Public Broadcaster (NRK /Bauer Media/Kantar Media/Digital Radio Norway/Kultur Ministerium und die Regulierungsbehörde) die bisherigen Resultate und Erkenntnisse und stellten sich den Fragen der vielen Teilnehmer in Form eines Schlusspanels.
Die ausführliche Präsentation und Dokumentation über den DSO Norway kann man hier als Pflichtlektüre für jeden Radio-Interessierten herunterladen. Eine Kurzfassung davon gibt es bei Radioszene von James Cridland.
Es wurde an dieser Veranstaltung sehr viel über die (neuen) Programme und deren Auswirkungen auf die Nutzungszahlen berichtet, die kritischen Punkte und (unsere) vielen offenen Kosten-, Versorgungs-, Werbe- und User-Feedback-Fragen waren eher zweitrangig. Allerdings geht der erwähnte Bericht, welcher den versammelten als Buch überreicht wurde, auch gebührend auf die kritischen Fragen ein. Hier einige der wichtigsten Erkenntnisse und Stichworte:

  • Den DSO macht man, damit man Radio relevant bleiben kann. Nicht für ein paar Monate sondern für Dekaden. UKW kann langfristig nicht relevant bleiben!
  • Die Wochenreichweite ist schon fast wieder gleich hoch wie vor der Abschaltung (-<2%)
  • Vor allem die Hauptprogramme von NRK haben noch bis zu 15% Verlust in der TRW, was primär auf die «noch nicht gekauften» Zweit- und Dritt-Empfänger zurückzuführen ist.
  • Die vielen neuen nationalen Programme sind die grossen RW-Gewinner (fast 1/3 Nutzung)
  • Kosten DSO-Team: ca. 1 Mio EUR pro Jahr, 3-5 feste Mitarbeiter während mehrerer Jahre (alle Eigenleistungen nicht eingerechnet)
  • PSB zuerst «OFF» ist ein Muss für die Privaten, 3-4 Wochen reichen für CH n.m.M. nicht
  • Werbeumsatz: Gleich bis steigend (sagt Bauer Media, ohne Details)
  • IP-Radio Nutzung: Nicht wesentlich gestiegen!
  • Die Nachrüstung der Nutzfahrzeuge und Autos ist sehr anspruchsvoll
  • Man muss zu den Leuten gehen! 60000 km wurde mit dem Demobus gefahren um die Umschaltung zu fördern
  • Den HörerInnen den (technischen) Empfangs-Unterschied von UKW und DAB+ erklären ist essenziell und sehr aufwendig.
  • Norwegen hat etwa gleichviel Einwohner wie die Deutsche Schweiz ist aber flächenmässig um ein Vielfaches grösser als die ganze Schweiz. Viele Erkenntnisse sind für den CH-DSO nutzbar, einiges wie die technische Versorgungsgüte und die vielen neuen Programme aber gar nicht.

Nach Norwegen sollte eigentlich England das nächste Land für den DSO sein, aber Bob Shennan (BBC) sagte an der Eröffnungsveranstaltung: «we are not yet ready for switchover». Erst danach wäre dann die Schweiz (nach dem Südtirol) für den DSO fällig. Wait and see!

Am Sonntagmorgen fand die sehr gut besuchte Sonderveranstaltung von MEDIAROAD unter der Leitung des Europäischen Radioverbandes AER zum Thema «Post-convergence radio Hybrid radio technical view and how to build (on) it» statt. Das relativ junge Mediaroad Konsortium mit dem Ziel ein «European Media Ecosystem for Innovation» zu sein, wird von der EBU angeführt und hat schon verschiedene europäische Partner wie zum Beispiel die EPFL aus der Schweiz, die BBC, IRT, RAI, VRT und den AER.


Die diesjährigen Vortrags- und Diskussions-Themen waren: (direkte Links zu den Präsentationen)
•    Alexander Erk: Hybrid Radio Everywhere for Everyone
•    Mike Matton: Interactive & personalised radio
•    Agata Patecka: MediaRoad - European media Ecosystem for Innovation
•    Sarah Geeroms: VRT Sandbox
•    Caroline Graze: Radioplayer - This is Radio


Aus meiner Sicht sind die Themen Radio-Player und Hybridradio das «gewichtigste» gewesen, das Projekt VRT-Sandbox das interessanteste und attraktivste. Die vollständige Berichterstattung über den Anlass kann hier abgeholt werden. Auch interessant: im Marconi AI Projekt ist das CH-Radio Stadtfilter Winterthur engagiert.

 

Kurzfassung der Radio “State of the Union”:
Die Branche steht vor schnellen und massiven «Disruptionen». Diese beinhalten auch viele gute Chancen, aber natürlich nur wer sie auch schnell nutzt, gelangt in das goldene Zeitalter! Alle anderen werden über kurz oder lang abgehängt werden. Die Wichtigsten «Baustellen» mit Chancen sind im Moment, Smartspeaker, Podcast, Radioplayer und die allgemeine digitale Migration der Verbreitung. Dabei ist klar, dass die früheren Alleingänge nicht mehr möglich sein werden, sondern der Zwang zum Zusammenarbeiten auf vielen Stufen und Ebenen unumgänglich für Erfolg sein wird. Viel Glück!

Die nächsten Radiodayseurope finden in Lausanne vom 31. März bis zum 2. April statt

Zum Autor:
Markus Ruoss (geboren 1947) war von 1982 bis 2011 Gründer und Mehrheitsaktionär von Radio Sunshine in Rotkreuz. Als ausgebildeter Elektro- und Fernmelde-Ingenieur HTL übt er seit vielen Jahren eine Beratungstätigkeit im Bereich Medien und Kommunikationsnetztechnologie aus. Er besucht jedes Jahr zahlreiche Fachmessen und Kongresse. Markus Ruoss ist in verschiedenen Verwaltungsräten, ist Mitglied der eidgenössischen Medienkommission und gehört dem Vorstand des Verbands Schweizer Privatradios (VSP) an.

04.04.18MRU

 

 

 

 

Prominente Eröffnung durch den ORF (Monika Eichensberger) und den Verbands-Präsidentinnen von AER (Stefan Möller) und dem VÖP C. Drumm.

Bakel Walden (SRG) zu den NOBILLAG nach dem 4.März 18 Bilder: MRU-JB

Noble Radio-Party offeriert vom Wiener Bürgermeister Dr.Michael Häupl, dem ORF und dem VÖP am Montagabend im eleganten Wiener Rathaus. Bilder: MRU und RDE

Ausschnitt aus der deutlich grösser gewordenen Radio-Fach-Ausstellung Bild: MRU

Typischer überfüllter Vortragssaal bei spannenden Themen wie smart Speaker und Podcast Bild: MRU

Vincent Sneed (AER) eröffnet den Post Convergence Radio Workshop

Eröffnungsveranstaltung mit Klassik wie es sich in Wien gehört! Bilder: MRU